Das kosmische Kraftfeld

Über Freiheit, Liebe und die Gravitation des Lebens

Wenn ich über das menschliche Leben nachdenke, erscheint es mir immer weniger als eine gerade Linie. Eher gleicht es einem Feld von Kräften, in dem nichts für sich allein existiert. Alles steht in Beziehung zu etwas anderem. Wir werden angezogen und abgestoßen, wir verändern unsere Richtung, verlieren sie wieder und finden manchmal, oft erst nach langer Zeit, zu etwas zurück, das schon immer in uns gelegen hat.

Vielleicht beginnt unsere Freiheit genau dort, wo ihre Grenzen sichtbar werden.

Wir können die Naturgesetze nicht außer Kraft setzen. Wir können die Schwerkraft nicht abschaffen, die Zeit nicht anhalten und den Tod nicht aus der Welt schaffen. Wir werden geboren, ohne gefragt zu werden, in eine bestimmte Zeit, an einen bestimmten Ort, in eine bestimmte Familie und in eine bestimmte Welt. Wir übernehmen Spuren, bevor wir überhaupt wissen, dass es Spuren sind. Herkunft, Erfahrungen, Begegnungen, Verluste und Liebe legen Kräfte in uns an, die unser Denken und Handeln beeinflussen.

Und doch sind wir ihnen nicht vollständig ausgeliefert.

Vielleicht besteht die kleine Freiheit des Menschen gerade darin, dass er innerhalb dieser großen Ordnung seine Richtung verändern kann. Er kann sich entscheiden, anders zu handeln, als es seine Geschichte erwarten ließe. Er kann sich von etwas lösen, sich etwas anderem zuwenden, einen Menschen lieben, obwohl er gelernt hat, sich zu schützen. Er kann vergeben. Er kann zerstören. Er kann neu beginnen.

Wir können die Schwerkraft nicht überwinden – aber wir können lernen, mit ihr zu fliegen.

Diese Freiheit ist klein. Aber sie ist entscheidend.

Denn wir verändern uns ständig. Und indem wir uns verändern, verändern wir auch die Welt um uns herum. Jeder Mensch, dem wir begegnen, kann unsere Bahn verändern. Manche Menschen ziehen uns an, andere stoßen uns ab. Manche Begegnungen bleiben nur Augenblicke, andere werden zu Kräften, die Jahrzehnte in uns weiterwirken.

Vielleicht ist die stärkste dieser Kräfte die Liebe.

Liebe besitzt keine messbare Masse und lässt sich doch manchmal schwerer spüren als alles Körperliche. Sie kann einen Menschen aus seinem bisherigen Leben herausheben und auf eine völlig neue Bahn bringen. Sie kann Halt geben, aber auch Unruhe stiften. Sie kann einen Menschen wachsen lassen – und sie kann ihn verletzlich machen.

Und dort, wo Liebe fehlt, entsteht nicht einfach Leere.

Auch die Abwesenheit kann eine Kraft entwickeln.

Ein Mensch, dem Liebe fehlt, trägt dieses Fehlen mit sich. Es kann Entscheidungen beeinflussen, Beziehungen bestimmen, Ängste hervorbringen und Lebenswege verändern. Manchmal wird aus einem Mangel eine Schwere, die einen Menschen über Jahre begleitet. Manchmal wird gerade daraus aber auch die Sehnsucht nach etwas, das größer ist als der eigene Mangel.

So entsteht unser Leben nicht aus einer einzigen Kraft. Es ist ein ständiges Wechselspiel von Anziehung und Abstoßung, von Nähe und Entfernung, von Ordnung und Zerfall.

Vielleicht ist das der eigentliche Charakter unserer Existenz: Wir bewegen uns in einem kosmischen Kraftfeld, dessen Gesetzmäßigkeiten wir nicht selbst geschaffen haben und dessen ganze Ordnung wir niemals überblicken werden.

Und dennoch dürfen wir uns bewegen.

Ich glaube, dass darin auch etwas Göttliches liegt.

Wenn Gott der Ursprung dieser Welt ist, dann muss er nicht ständig in sie eingreifen. Vielleicht besteht seine Größe gerade darin, dass die Schöpfung ihre eigene Ordnung besitzt. Dass die Dinge geschehen dürfen, dass Menschen handeln dürfen, dass Ursache und Wirkung ihren Lauf nehmen. Dass selbst unsere Irrwege Teil eines größeren Zusammenhangs sein können, den wir nicht sehen.

Der Mensch besitzt darin nur eine kleine Freiheit. Aber vielleicht ist genau diese kleine Freiheit gewollt.

Wir dürfen wählen.

Wir dürfen uns entfernen. Wir dürfen Widerstand leisten. Wir dürfen versuchen, jemand anderes zu werden, als wir sind. Wir dürfen uns sogar gegen das wenden, was uns ursprünglich gegeben wurde.

Aber manchmal geschieht etwas, das uns zurückführt.

Nicht unbedingt als Wunder. Nicht als Stimme aus dem Himmel. Vielleicht viel leiser.

Eine Begegnung. Ein Verlust. Ein Gedanke. Ein Bild. Ein Moment der Stille. Etwas, das uns plötzlich wieder erkennen lässt, was wir längst wussten und nur vergessen hatten.

Ich kenne diese Erfahrung aus meinem eigenen Leben.

Immer wieder gab es Momente, in denen ich versucht habe, mich von bestimmten Dingen zu entfernen. Leichtere Wege zu suchen. Andere Schwerpunkte zu setzen. Mich dem Lärm der Gegenwart anzupassen, statt auf das zu hören, was in mir selbst über Jahre gewachsen ist.

Und immer wieder führte mich etwas zurück.

Zur Stille.

Zur Beobachtung.

Zur Malerei.

Vielleicht ist das keine Niederlage gegenüber dem eigenen Leben. Vielleicht ist es eine Form von Erkenntnis.

Denn je länger ich male, desto weniger glaube ich, dass Malerei vor allem eine Frage des Abbildens ist. Natürlich interessiert mich die sichtbare Welt: ein Gegenstand, ein Raum, eine Landschaft, ein Licht, eine bestimmte Anordnung von Dingen. Aber hinter dieser sichtbaren Welt liegt etwas anderes.

Das Stillleben ist für mich deshalb mehr als die Darstellung von Gegenständen. Es ist ein begrenzter Raum, in dem sich die großen Kräfte des Lebens verdichten. Ein Apfel, ein Gefäß, ein Tuch, ein Lichtschein – scheinbar einfache Dinge. Und doch tragen sie Zeit in sich. Sie verweisen auf Wachstum und Vergehen, auf Besitz und Verlust, auf Ordnung und Zerfall.

Das Stillleben ist Bühne und Kampfplatz zugleich.

Vielleicht liegt seine eigentliche Spannung gerade darin, dass nichts geschieht – und doch alles geschieht.

Ein Gegenstand steht still. Das Licht verändert sich. Die Zeit vergeht. Etwas Lebendiges wird irgendwann tot sein. Etwas Schönes wird verwelken. Etwas Geordnetes wird zerfallen.

Und wir schauen hin.

In der Landschaft ist das Verhältnis ein anderes. Dort wird der Raum größer. Der einzelne Gegenstand verliert sich in der Weite. Der Blick kann sich lösen und weitergehen. Landschaft ist für mich deshalb kein bestimmter geografischer Ort. Sie ist ein Zustand – ein Raum geistiger Weite, in dem äußere Ruhe und innere Bewegung gleichzeitig existieren können.

Vielleicht suche ich in meinen Bildern genau diesen Zustand.

Nicht Stillstand, sondern Ruhe.

Nicht die Abwesenheit von Bewegung, sondern eine andere Form von Bewegung.

Eine Bewegung, die nicht schneller werden muss.

Die Welt um uns herum verlangt ständig nach Reaktion. Sie beschleunigt, bewertet, vergleicht und drängt weiter. Vielleicht liegt ein Teil meiner künstlerischen Arbeit gerade darin, diesem Drängen etwas entgegenzusetzen.

Ich male Dinge, die bleiben, während alles andere weiterzieht.

Das ist auch der Grund, warum mich das Vergängliche interessiert. Nicht weil ich dem Leben den Rücken kehren möchte, sondern weil seine Vergänglichkeit ihm überhaupt erst Gewicht gibt.

Vielleicht ist es die Erkenntnis des Endlichen, die uns das Wesentliche sehen lässt.

Und vielleicht ist auch das eine Form von Gravitation.

Je älter ich werde, desto stärker empfinde ich diese innere Schwerkraft. Sie zieht mich nicht von der Welt weg. Im Gegenteil: Sie zwingt mich, genauer hinzusehen.

Auf das Licht.

Auf einen Gegenstand.

Auf eine Landschaft.

Auf die Stille zwischen zwei Dingen.

Auf das, was vergeht.

Und auf das, was trotz allem bleibt.

Ich weiß nicht, ob wir Menschen unsere Bahn wirklich frei bestimmen können. Vielleicht überschätzen wir unsere Freiheit. Vielleicht unterschätzen wir sie aber auch.

Ich glaube heute, dass wir weder vollkommen frei noch vollkommen festgelegt sind.

Wir sind Teil eines größeren Kraftfeldes.

Wir werden getragen und begrenzt von Natur, Zeit, Herkunft und den Menschen, denen wir begegnen. Wir werden von Liebe verändert und ebenso von ihrem Fehlen. Wir stoßen uns ab, wir ziehen uns an, wir verändern einander und damit immer auch uns selbst.

Und irgendwo dazwischen liegt unsere kleine Freiheit.

Die Freiheit, auf die Kräfte unseres Lebens zu antworten.

Vielleicht liegt darin auch unsere Verantwortung.

Und vielleicht liegt darin die leise Spur des Göttlichen: dass wir uns bewegen dürfen, ohne die Ordnung zu kennen, aus der wir kommen.

Manchmal gehen wir weit weg.

Manchmal verlieren wir uns.

Und manchmal geschieht etwas, das uns wieder zurückführt.

Bei mir führt dieser Weg immer wieder zur Malerei.

Zur Stille auf der Leinwand.

Zu den Dingen, die Gewicht haben.

Dorthin, wo das Leben für einen Augenblick innehält – und gerade dadurch sichtbar wird.